Der Wecker klingelt in unbarmherziger Frühe. Am Kopf, der aus dem Federbett herausguckt, fühlt man die kalte Luft. Wo sind wir? Wie spät ist es? Warum klingelt der Wecker? Kurzes, intensives Nachdenken. Tokio. Es ist der letzte Morgen vor unserem Rückflug nach Deutschland. Noch zu früh, um gross darüber nachzudenken, zu früh, um zu reden. Das Neonlicht unseres Zimmers weckt uns wie ein Faustschlag. Kurz unter die Dusche und dann die letzen Sachen in die Rucksäcke gepackt. Ein letztes mal. Sie sind jetzt viel leichter - Regenjacke, Schal, Handschuhe, Mütze, dicker Pulli und warme Hose bleiben draussen. Es wäre sogar noch Platz für ein paar Souveniere – schnell am Flughafen gekauft als Mitbringsel für die Daheimgebliebenen - daran hat sich nichts geändert. Ein gewohnter letzter Blick in das Zimmer., ob wir auch nichts liegenlassen haben. Draussen ist es bitterkalt, die Feuchtigkeit des Nieselregens kriecht uns in den Nacken. Tokio im Februar – ein kurzes Intermezzo.
Der Abschied von Melbourne fiel uns dann doch noch richtig schwer. Wir haben die Zeit dort so genossen. Die Tage an der Great Ocean Road, die kurzen, aber umso intensiveren Zeltausflüge mit Freunden am Wochenende, die Sonne und die Stadt. Zugegeben, wir wären gerne dageblieben, hätten ein Cafe aufgemacht, wie fast alle hier, und uns an der Leichtigkeit des Lebens erfreut. Warum muss Melbourne gerade am anderen Ende der Welt sein? Und warum müssen wir überhaupt zurück in die Kälte? Kann sich doch kein Mensch mehr vorstellen, wie kalt -5° sind! Wir kommen zurück in die Realität, sagen viele. Aber ist das wirklich die Realität? Sind die Erfahrungen, die wir bei Reisen gemacht haben nicht viel reeller?
Vor drei Wochen hätten wir noch gesagt „Ja, zurück nach Deutschland, wir freuen uns drauf!“ Inzwischen ist die Freude etwas gedämpft. Plötzlich könnte es doch noch weitergehen – Südamerika zum Beispiel, da wäre jetzt Sommer. Aber es ist auch schön, die Familie und Freunde zu Hause wiederzusehen. Zu sehen, wie die kleinen Nichten und Neffen gewachsen sind und wie es den Freunden und dem Nachwuchs geht. Auch einfach, um mal wieder blöd zu quatschen, sich über denselben Humor zu freuen, bis in die Morgenstunden tanzen zu gehen und dann ins eigene Bett zu fallen.
Das Gebläse der Klimaanlage und das kontinuierliche Brummen der Flugzeugturbinen lullt uns ein. Irgendwo über dem tiefverschneiten nördlichen Sibirien sortieren wir noch ein paar Fotos aus. Über viertausend sind es geworden. Viertausend Erinnerungsstücke an eine aussergewöhnliche Reise, plus der unzähligen Anekdoten in unseren Köpfen. Zusammen mit den Notizzetteln mit Adressen von Bekanntschaften aus aller Welt, den Mitbringseln und dem Reisetagebuch ist es wahrscheinlich gerade das Wertvollste, was wir besitzen.
Eins steht fest: Es war nicht die letzte Reise und die Liste ist in den letzten elf Monaten eher länger statt kürzer geworden, unter anderem inspiriert durch die vielen Bücher, die wir lesen konnten und die Gespräche, die wir mit den verschiedensten Menschen geführt haben. Doch eilig haben wir es erst einmal nicht, denn was wir gelernt haben, ist, dass es völlig egal ist, in welchem Alter man sich auf eine längere Reise begibt, solange man gesund ist und sich seine Neugierde und das Interesse an fremden Kulturen erhält.
